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1989, dem Jahr der Deutschen Einheit, zog mich das Studium nach Siegen, welches bis dahin mit dem Slogan “Siegen, mitten in Deutschland” warb. Tatsächlich lag Siegen ungefähr in der geographischen Mitte unserer Republik. Mit der Deutschen Wiedervereinigung verlor das Siegerland diese Mitte und mußte sich zumindest bezogen auf seinen Slogan neuorientieren, eine neue Position beziehen. Mein Studium führte mich bis 1996 zur Position des Künstlers. Als Abschlußarbeit unternahm ich eine 6000 km lange Reise rund um Deutschland. Die ehemalige innerdeutsche Grenze, die von einem ungeheuerlichen fotografischen Dokumentarismus aller Coleur heimgesucht wurde, interessierte mich nicht. Dies war nur ein Synonym für eine bis heute andauernde Zementierung eines Teilungsdenkens.
Mitten in Deutschland zu leben, und zwar nicht in der geographischen Mitte, sondern inmitten der neuen Grenzen, inmitten eines neuen Volumens, hieß die Einheit an Hand eines neuen Grenzverlaufes zu dokumentieren, eine neue Position zu beziehen, in einem Verfahren des sogenannten „mappings“ den Grenzverlauf der vereinten Teile zu visualisieren und dem Ausruf „Wir sind das Volk!“ eine gesamtdeutsche Dimension zu verleihen.
Im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre haben Kuratoren oft die Position des Auswählenden, des Darstellenden, des Erläuternden meiner künstlerischen Arbeiten übernommen. Kuratoren und Kunsthistoriker, wie Dirk Müller, beziehen zu Recht die Position des Wissenden und Ordnenden. In dem hier vorliegenden Projekt „Wir sind das Volk!“ werden die Zitate die der Kurator auswählt, um eine Arbeit zu erläutern, zu durchleuchten und zu öffenen, zu Schrift- und Sprachbildern. Gefundene Titel- und Textzeilen, Schrift, Sprache lösen beim Betrachter genauso wie Fotografien oder Bilder als Fragmente beim Betrachter eigene innere Bilder aus. Der Kurator, der hier also Autor der Zusammenstellung ist, wird durch die Bildwerdung seiner Auswahl zum Coautor, zum Schöpfer einer Bildleistung. Der Positionswechsel vom Kurator zum Künstler und vom Künstler zum Kurator vollzieht sich durch die Zusammenarbeit beider Positionen. Es ist der bildwerdende Text, der den Kurator zum Künstler werden läßt. Der Künstler, als Initiator, als Regisseur übernimmt die Aufgaben von Konzeption und Realisierung, wird Kurator. In dieser Kooperation hat „Wir“ die Bedeutung einer neuen Einheit gewonnen. Thomas Kellner
Am 3. Oktober 1989 ist nach über vierzig Jahren die Teilung Deutschlands in zwei voneinander unabhängige Staaten beendet. Mit „Wir sind das Volk!“ soll der Prozess, welcher zu der Wiedervereinigung geführt hat, in Erinnerung gerufen werden. Denn auch zwanzig Jahre nach diesem historischen Ereignis darf nicht vergessen werden, dass die sechs großen Buchstaben DDR und BRD nicht über Nacht zueinander gefunden haben.
Als roter Faden dienen zwanzig Bilder des Fotokünstlers Thomas Kellner. Diese Arbeiten aus dem Jahr 1996 stammen aus einem Projekt, in welchem die deutsche Grenze im Zentrum des künstlerischen Interesses stand. Auf seiner Reise rund um die Republik dokumentierte Kellner die einzelnen Reisestationen mit einer Polaroidkamera. Die daraus entstandene Bildserie zeigt Orte wie Roermond, Świnoujście oder Passau, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Allein durch ihre geografische Lage an der deutschen Grenze werden diese thematisch und inhaltlich als Grenzübergänge Deutschlands miteinander verbunden.
„Wir sind das Volk!“ zeichnet die deutsche Grenze und somit die Kontur Deutschlands punktuell nach und führt dem Betrachter im selben Atemzug die vielen Facetten und möglicherweise auch unbekannten Orte am Rand der Republik vor Augen.
Gleichzeitig ermöglichen Textfragmente und Zitate, welche jedem Bild der Serie zur Seite gestellt wurden, dem Betrachter eine Reise in die eigene Erfahrungswelt anzutreten. So finden sich beispielsweise einzelne Stationen der deutschen Zeitgeschichte, welche schemenhaft den Weg zu einem geeinten Deutschland wiedergeben. Erlebte Erfahrungen oder gehörte Geschichten werden beim Betrachter auf diese Weise reaktiviert, was die Grundlage für eine tiefere Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung darstellt.
Zitate von Wolfgang Büscher und Thomas Kellner lassen darüber hinaus einen Blick in die persönlichen Gedanken zweier Menschen zu, die eine Reise rund um Deutschland angetreten sind. Die Assoziationen, welche in dieser Verbindung aus historischen Fakten und individuellen Erfahrungen hervorgerufen werden, sind ebenso zahlreich wie die Ereignisse, die letztendlich zur Wiedervereinigung geführt haben.
Diese bewusste Kombination aus Zitaten, Textfragmenten und Fotografien reflektiert den komplexen und langwierigen Prozess der deutschen Wiedervereinigung, an dem unzählige Menschen teilgenommen haben und der sich auf das Leben ebenso vieler nachhaltig ausgewirkt hat.
Vor zwanzig Jahren entstand das Deutschland, wie wir es heute kennen. Und nahezu jeder Mensch hat auch heute noch Erinnerungen daran wie es war, als sich am 9. November 1989 die Grenze öffnete und die Menschen aus Ost und West sich nach vierzig Jahren der Trennung wieder in den Armen lagen. Nahezu jeder hat ein oder mehrere Bilder im Gedächtnis, wie am 3. Oktober 1989 aus DDR und BRD ein geeintes Deutschland wurde. Egal ob er diese Zeit persönlich miterlebt oder ob er davon erzählt bekommen hat.
Durch Auswahl und Verbindung vieler Fragmente entstanden zwanzig eigenständige künstlerische Arbeiten, die in „Wir sind das Volk!“ zu einem großen Ganzen vereint wurden. Jedes einzelne dieser Fragmente fordert den Betrachter unmittelbar auf, sich mit seinen individuellen Erinnerungen an ein Ereignis, das bereits vor zwanzig Jahren stattfand, zu erinnern und vor allem auseinanderzusetzen. Denn durch die Interaktion zwischen Betrachter, Bild, Text, persönlichen und fremden Beobachtungen werden alte Erinnerungen wieder lebendig und greifbar gemacht.
Nicht jene, die in einem Geschichtsbuch stehen, sondern vielmehr die individuellen, die einen Teil der Persönlichkeit eines Menschen ausmachen. Dieser Prozess ist das eigentliche Ziel des Tages, den Deutschland am 3. Oktober feiert. Das Auffrischen und Lebendig halten von Erinnerungen an die Zeit in der sich Deutsche wieder trauten auszurufen: Wir sind das Volk! Dirk Müller
Thomas Kellner, geboren 1966 in Bonn, lebt und arbeitet als Fotokünstler in Siegen. Er lehrte unter anderem als Gastprofessor an der Justus-Liebig-Universität, Giessen und als Lehbeauftragter an der Universität Paderborn. Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit und internationalen Ausstellungstätigkeit, den zahlreichen internationalen Einladungen als Berater für Kollegen bei Festivals (Peking, Houston, Brasilia, Birmingham,Bukarest, Lodz, Mannheim, Berlin, u.a.), schreibt er für verschiedene Fotomagazine, kuratiert Ausstellungen und ist seit 1990 Initiator zahlreicher Projekte.
Zu den bis heute laufenden Projekten, die Thomas Kellner initierte, gehören der „Rundgang“ (seit 1991) und die „Braushausfotografie“ (seit 1991) an der Universität Siegen, der vom Kunstverein Siegen veranstaltete „Kunstsommer“ (seit 1998), die regionale Kunstmesse „Kunstwechsel“ (seit 1998) und die international jurierte Gruppenausstellung „photographers:network“ (seit 2004). Zu den wichtigsten Ausstellungsprojekten mit Katalogen gehörten „Zwischenzeit – Camera obscura im Dialog“ (1991), „Chapalango – Zeitgenössische Tanzfotografie“ (2007) und „China Photo“ (2007/8).
Dirk Müller, geboren 1981 in Fulda studierte er an der Universität Kassel bis Kunstwissenschaften und Germanistik. Seinen Studienschwerpunkt legte er auf die Kunst der Moderne und Gegenwart sowie deren kulturelle und soziale Relevanz für die Gesellschaft. In seiner Magisterarbeit „Jörg Immendorff - Ein moderner Historienmaler?“ untersuchte er anhand des Bildzyklus „Café Deutschland“ inwieweit klassische Doktrinen in modernen Kunstwerken enthalten sind und eine Thematik wie die deutsch-deutsche Teilung eine kunsthistorische Relevanz besitzt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Praktikum im Museum für Gegenwartskunst Siegen. Neben freiberuflichen Tätigkeiten in der Kunstvermittlung arbeitet er als Assistent für Thomas Kellner. Die Ausstellung „Wir sind das Volk!“ ist sein erstes Projekt, welches er kuratorisch betreut.

